Montag, 1. Januar 2018

Vom alleine sein…




Über zwölf Stunden ist es schon alt, dieses neue Jahr 2018. Zum ersten Jahr meines bisherigen Lebens wollte es werden, in das ich ganz mit mir alleine hineinrutschen sollte. Noch nie hab ich Sylvester alleine verbracht. 49 Jahre musste, sollte ich alt werden, um nun auch diese Erfahrung zu den Schätzen auf meinem Lebensweg zählen zu können.

Schon seit Wochen hatte ich gespürt, dass es so sein wird, so sein soll, dass ich Sylvester in diesem Jahr alleine verbringe. Sicherlich hätte ich von mir aus aktiv werden können, um Sylvester gemeinsam mit anderen Menschen zu feiern. Ich habe es nicht getan und bin nun, an diesem Neujahrstag 2018, froh darüber.

Was löst diese Vorstellung des „alleine Seins zu Sylvester“ in mir aus? Was geht in mir vor beim Gedanken daran? Welche Botschaften und Sichtweisen trage ich dazu in mir? Sind das wirklich meine eigenen oder hab ich diese, wie so Einiges mehr, das ich in diesem nun vergangenen Jahr zurückgegeben habe, von meinen Ahninnen geerbt? Mit all diesen Fragen bin ich schwanger gegangen in den dunkelsten Wochen des alten Jahres.


Ich muss eine plausible Erklärung dafür parat haben, warum es heuer so ist!“ – Aha, für wen genau muss diese Erklärung tauglich sein? „Ich muss dann zumindest alleine was Besonderes machen, das zeigt, dass mir ein Mann an meiner Seite nicht abgegangen ist.“ – Interessant, wer konkret erwartet das von mir? „Vielleicht ergibt sich ja doch noch was und es lädt dich jemand kurzfristig zum Sylvester feiern ein…“ – Nun ja, was hat es mit dieser, letztendlich ja doch nur künstlich durch unseren Kalender geschaffenen Schwelle im Jahreslauf auf sich, dass es offenbar so wichtig ist, diese Nacht mitten in den Raunächten nicht alleine mit sich selber verbringen zu müssen?


Gestern, am letzten Tag dieses für mich intensiven und anstrengenden Jahres 2017, machte sich in mir ein Gefühl der Befreiung breit beim Gedanken daran, einfach mal gar nichts tun zu müssen, „nicht mal Sylvester feiern zu müssen“! Während draußen der Jahreswechsel zu toben begann, fühlte ich die Freiheit in mir, diese Raunacht einfach nur Raunacht sein lassen zu können. Ohne was räuchern zu müssen, ohne jemanden ein gutes neues Jahr wünschen zu müssen, ohne einen Blick in meine Zukunft machen zu müssen, ohne irgendwas Besonderes tun zu müssen. Welch ein revolutionäres Sylvester in einer Zeit, in der Menschen fast immer was tun zu haben!
 
Die Gedanken, die ich mir in den Wochen zuvor darüber gemacht hatte, dass ich in diesem Jahr „niemanden hab“, der oder die mit mir Sylvester feiern wird, gehen mir an diesem Neujahrstag nochmals durch den Sinn. Nein, es muss mir nicht peinlich sein und schon gar nicht muss ich mich deshalb schämen, darüber bin ich mir, nun am Morgen „danach“ noch sicherer als schon bisher. Ich erinnere mich an das Konzert von Gianna Nannini 2004 in der Stadthalle in Oberndorf. Niemand hatte Zeit oder Lust mitzukommen. Wochenlang hab ich mit mir selber gekämpft, hab mich bemüht, meinen Mann zu überreden, eine Freundin zu finden. Schon seit meiner Jugend war Gianna Nannini für mich eine der ganz Großen und nun sollte mir diese einzigartige Chance entgehen, sie so nahe erleben zu können wie vermutlich nie mehr?

Alle werden mich mitleidig anschauen, weil ich alleine da bin…“ Verzichte ich oder stelle ich mich den Ängsten in mir? Damals hab ich diese massive Hürde in mir glücklicherweise dann doch überschritten. So wirklich wohl gefühlt hab ich mich dabei nicht. Ich hab die Freiheit des alleine unterwegs seins gespürt und auch die Herausforderung damit erlebt. Niemand saß neben mir, der es unangebracht gefunden hätte, dass ich von meinem Sitzplatz nach vorne in Richtung Bühne gehe und doch kämpfte ich lange Zeit um diesen Schritt. Aus heutiger Sicht weiß ich, dass ich gar nicht alleine auf diesem Konzert von Gianna Nannini war. Meine Ahninnen und Ahnen waren mit dabei gewesen, sie hatten mir mein Reisegepäck für dieses Leben mit einer Unmenge an Botschaften und Glaubenssätzen vollgepackt.

Damals hab ich einen Teil davon ausgepackt, angeschaut und erkannt, dass ich das nicht mehr länger mit mir tragen will und werde. Dieses ungeschriebene, patriarchale Gesetz, dass Frauen alleine nirgends hingehen sollten. Seither hab ich viele Veranstaltungen alleine besucht. Manchmal bin ich sogar froh, wenn ich „niemanden mitnehmen muss“ und alleine mit neuen Menschen ins Gespräch komme, spontan entscheiden kann, ob ich noch bleibe oder gehe.

Gehe ich alleine in die Sauna, dorthin, wo ich mit Otto über die Jahre schöne und glückliche Stunden erlebt habe? Stelle ich mich der Einsamkeit, die sich dort nun ohne ihn breitmachen würde? Wie wird es sein, dort alleine zu sein unter so vielen Menschen? Ein Jahr nach seiner Trennung von mir war ich dazu bereit.

Vielleicht fühlen sich manche von jenen, die „zu zweit“ da sind, noch viel einsamer als ich? Diese Frage stieg immer wieder hoch beim Blick in die Gesichter der Menschen um mich. Ich erinnerte mich an diese Zeiten der massiven, inneren Einsamkeit in den letzten Jahren meiner Ehe. Als ich mich, auch durch so Unternehmungen wie „gemeinsam in die Sauna zu gehen“ so sehr bemüht habe zu retten, was doch nicht zu retten war.
 
Gut mit mir alleine sein zu können, das war eines der Hauptziele, die ich mir nach Ottos Trennung von mir gesetzt hatte. Nun, 14 Monate später, fühle ich mich diesem Ziel an diesem ersten Tag des neuen Jahres, ein großes Stück näher gekommen. Wenn ich gut mit mir alleine sein kann, dann brauche ich keine Angst mehr zu haben vor dem Verlassen werden. Wenn ich keine Angst mehr vorm Verlassen werden habe, dann muss ich mich als Frau nicht mehr „um einen Mann bemühen“. Ich muss mich nicht mehr anstrengen, um so zu sein, zu werden, wie er mich haben will. Ich muss nicht mehr von mir aus geben und geben, damit ich von ihm dann vielleicht auch was zurückbekomme.

All das habe ich in meinem bisherigen Leben intensiv durchlebt. Nun muss ich niemanden mehr Weihnachtsgrüße schicken, damit dann auch ich viele solcher Weihnachtskarten zurückbekommen möge. Ruhig ist es dahingehend geworden in meinem Leben. Ich fühle mich nicht mehr weniger wert oder weniger wichtig, weil mir zu Sylvester nicht eine ganze Reihe von Menschen ein gutes neues Jahr wünschen. Denn ob es wirklich ein gutes neues Jahr für mich werden wird, das hängt letztendlich vor allem von mir selber ab.

Von meiner inneren Einstellung dem Leben und damit auch diesem neuen Jahr gegenüber. Von meiner Haltung all dem gegenüber, was dieses neue Jahr an Herausforderungen und Entwicklungschancen bringen wird. Und vor allem eben auch davon, ob ich gut mit mir alleine sein kann. So gesehen ist dieses Sylvester so ganz mit mir alleine ein magischer Moment auf meinem Lebensweg hinein in dieses neue Jahr.

„Zeiten, in denen wir alleine sind, können zu Phasen von intensivem Heilen dürfen werden“, so diese Worte meiner spirituellen Wegbegleiterin Veronika vor ein paar Wochen. Genau so erlebe ich mein alleine sein. Genau deshalb hab ich bewusst entschieden, mich nicht vorschnell wieder in eine Beziehung zu flüchten, sondern es mit mir alleine auszuhalten und all das heilen zu wollen, was dabei aus der Tiefe meiner Seele, aus den Jahren meiner Kindheit, aus den Zeiten früherer Leben von mir und meinen Ahninnen aufsteigen will.

Lieber bleibe ich alleine, als mir so etwas nochmals anzutun…“ – das höre ich vor allen aus dem Munde von Frauen nach dem Scheitern von Beziehungen. Dieses „alleine bleiben wollen“ ist jedoch nicht die Lösung, sondern oftmals ein Versuch der Flucht vor den eigenen Themen und Traumen. Das alleine sein sollte nicht das Endstadium sein, sondern eine wichtige Zwischenstation, die wir nicht auslassen sollten. Denn nur wenn ich gut mit mir alleine sein kann, wenn die alten seelischen Wunden der Einsamkeit geheilt sind, erst dann kann ich wirklich mit einem Mann „in der Liebe sein“, ohne meine eigene, seelische Freiheit dabei wieder zu verlieren, wieder aufzugeben. Es klingt in der Theorie so einfach und ist in der gelebten Lebenspraxis doch eine der mächtigsten Wandlungsaufgaben dieser Zeit, so mein Eindruck und meine Erfahrung.

Solange ich jemanden brauche, kann ich ihn dann wirklich auch lieben?“ Ich erlebe immer wieder Frauen, die sich sehr alleine fühlen, in ihrer Ehe, in ihrer Beziehung. Die sich alleine gelassen fühlen und unverstanden, mit ihren Bedürfnissen und Sehnsüchten. Die erkennen müssen, dass ihr Mann, ihr Partner nicht in der Lage ist, sie „zu sehen“. Und doch geben diese Frauen viel von ihrer Zeit, Kraft und Energie, um die Beziehungen zu diesen Männern aufrecht zu erhalten. Aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen, aus emotionalen Abhängigkeiten, aus tiefsitzenden Existenzängsten heraus.

So viele Frauen und auch Männer, die vordergründig nicht alleine sind, die in Beziehungen leben, haben das Wichtigste in ihrem Leben auf dieser „gemeinsamen“ Reise immer mehr verloren: sich selber! Wenn wir uns selber verloren haben, dann sind wir wirklich alleine. Wenn wir immer Menschen um uns brauchen, dann sind wir wirklich alleine. Wenn wir den Kontakt zu Mutter Erde und all ihren Wesen verloren haben, dann sind wir wirklich alleine und einsam.

Alleine sein und Einsamkeit sind nicht dasselbe, obwohl es sich für viele Menschen so darstellt. Ich bin alleine und doch nicht einsam. Ich kenne Menschen, die sind nicht alleine und doch sehr einsam. Alleine sein und allein gelassen werden, auch das sind zwei paar Schuh. Über Generationen wurden meine Ahninnen von ihren Männern allein gelassen, mit ihren Bedürfnissen und Wünschen, mit ihren Erwartungen und Vorstellungen. Auch mit den ganz alltäglichen, praktischen Aufgaben des Lebens wurden sie oftmals allein gelassen. Die Männer, mit denen sie zusammenlebten, sahen in diesen Frauen mehr Dienstmägde als Frauen zum Lieben und gemeinsam glücklich sein.

Ich liebe es, am Morgen früh aufzustehen und ganz alleine hier im Wohnzimmer zu sein. Zu lesen, am Laptop zu sein, die alten Zeitungen durchzublättern, auf dem Wohnzimmerteppich liegend meinen Körper bewusst zu spüren. Meine Ahninnen wurden zwar die meiste Zeit ihres Lebens allein gelassen, doch die Chance darauf, wirklich eine Weile für sich alleine sein zu können, die hatten sie meist nicht. Die Wohnverhältnisse waren beengt, viele Kinder hatten sie großzuziehen, die Alten waren im Haus und wollten ebenfalls betreut werden. Ich kann verstehen, dass meine Oma, nachdem zuerst der Dackel meines Opas und einige Jahre später auch er selber gestorben waren, ganz klar sagte: „Mir kommt kein Mann und auch kein Hund mehr ins Haus.“

Wir haben sie nie alleine gelassen mit ihren Bedürfnissen als immer älter werdende Frau. Wir waren für sie da, zum Reden, zum Besorgen all dessen, was sie gebraucht hat. Aus diesem umsorgt werden heraus konnte sie diese Jahre alleine, ohne Mann, in einer Art und Weise genießen, die mich anfangs überrascht hat. Denn solange mein Opa lebte, war er der Hauptfokus im Leben meiner Oma gewesen. Doch bald nach seinem Tod zeigte sich, wie sehr sie es genoss, diese letzten Jahre ihres Lebens endlich wirklich auch alleine für sich selber sein zu können, zu dürfen. Meiner Oma wurde diese Phase des „gut alleine mit sich selber zu sein“ als weise, alte Frau geschenkt. In meinem Leben sollte sich diese Erfahrung als ein Geschenk des Wechsels einstellen.

Ich erinnere mich an jene Semesterferien, in denen Johannes, unser Jüngster, eine Woche lang einen Schikurs in Rußbach besuchte. Jeden Morgen hab ich den Moment herbeigesehnt, an dem Hans mit allen Dreien dorthin zum Schifahren aufgebrochen ist. Das erste Mal in meinem Dasein als Mutter erlebte und durchlebte ich mehrere Tage hintereinander, an denen die Kinder den ganzen Tag über nicht daheim waren. Ich erkannte und spürte, wie sehr ich diese persönliche Freiheit vermisst hatte. Nicht die Wohnung hab ich in der freien Zeit aufgeräumt und endlich durchgeputzt, wie Hans es sich von mir erwartet hatte. Die ersten drei Bänder von Harry Potter waren es, die in dieser Woche von mir verschlungen werden wollten. So sehr ich mein Mutter sein liebte, so sehr wurde mir in dieser Woche doch auch bewusst, wie wichtig Zeiten des ganz alleine sein Könnens für mich sind.

Wie frei sich alleine sein anfühlen kann, hab ich nach Hans‘ Trennung von mir erlebt. Plötzlich hatte ich kinderfreie Wochenenden. Zwei ganze Tage und sogar eine Nacht, in der niemand etwas von mir wollte. Ich konnte mein Glück zuerst gar nicht fassen und fragte mich, warum es eine Trennung brauchte, damit ich als Mutter diese Erfahrung machen konnte, wie wichtig kinderfreie Zeiten sind.

Nun kenne ich Beides, kinderfreie Zeiten und beziehungsfreie Zeiten. Als Veronika mir nach Ottos Trennung sagte, dass ich nun erstmal ein, zwei Jahre alleine bleiben werde, wollte ich das überhaupt nicht hören. Ich wollte doch so sehr endlich eine Beziehung mit einem Mann, der mich wirklich lieben kann und will, der nicht wieder so sehr in seinen eigenen Themen drinnen hängt und diese auf mich projiziert.

Ein gutes Jahr ist schon vergangen seit dieser Aussage von Veronika. Monate, in denen ich immer mehr erkannt habe, wie Recht sie damals hatte. Wie wichtig diese Zeit mit mir ganz alleine für mich war und ist. Ich hab die Einsamkeit meines inneren Kindes aus mir hochgeholt. Ich hab die Einsamkeit meiner Ahninnen gefühlt, erkannt und in den Raum der Heilung gestellt. Ich hab viel Zeit mit mir selbst verbracht und dabei eine der wichtigsten Erkenntnisse auf meinem Lebensweg gemacht: Ich bin gar nicht alleine! Ich hab mich! Mit all meinen Seiten und Aspekten, mit all meinen Gaben und Fähigkeiten, mit all meinen Widersprüchlichkeiten und Sehnsüchten, mit all dem, was mein Leben so lebendig, so bunt, so intensiv, so reich und wertvoll macht. Wie viele und vieles mein Leben doch ist!







1 Kommentar:

  1. Liebe Renate,
    du beschreibst so viel, was mir auch durch den Kopf geht. Ich habe Silvester, wie schon viele Jahre jetzt, alleine mit mir verbracht und beschäftige mich in den Raunächten viel mit mir und mache Naturgänge zu verschiedenen Fragen. Das ist für mich eine schöne magische dunkle Zeit, die ich nicht missen will. Vielen Dank fürs Teilhaben lassen an deinen Gedanken. In Verbundenheit, Maria

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